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Daniel Comboni und Arnold Janssen
Zwei ungleiche Männer, die einander in vielem gleichen
Ich soll jetzt über zwei Männer reden, die eigentlich verschiedener gar nicht sein konnten. Das zeigt schon ihre Herkunft. Eine Landschaft, sagt man, prägt den Charakter:
- Antonio Daniele Comboni, wie sein Name am 16.März 1831 ins Taufbuch eingetragen wurde, wuchs an der romantisch wild zerklüfteten, damals nur über das Wasser zugänglichen Westseite des Lago di Garda auf: sein Charakter, seine Leidenschaftlichkeit sind ungestüm und unbezähmbar wie die zerklüfteten Felsen, in die hinein sein Geburtsort Limone gebaut ist.
- Arnold Janssen, sechs Jahre später geboren (5. November 1837) in der Kleinstadt Goch am Niederrhein, einer Landschaft, die so unaufregend platt ist, daß die Leute selbst sagen, sie sei ein Zustand: so ein "Zustand“, so unaufregend bedächtig, Schritt für Schritt vorausplanend und -prüfend ist auch der Charakter dieses Arnold Janssen.
- Daniel Comboni kommt in ein Institut für begabte Buben aus armen Verhältnissen und Arnold Janssen wundert sich noch als Erwachsener, daß er auf Anhieb die Aufnahmeprüfung in das bischöfliche Gymnasium Gaesdonck geschafft hat.
- Daniel Comboni weiht sich glühend vor Begeisterung im Alter von 18 Jahren der Mission in Afrika; und Arnold Janssen beschließt im Alter von 19 Jahren, zur Sicherung seines Lebens die nicht gerade aufregende Laufbahn eines geistlichen Gymnasiallehrers einzuschlagen.
- Während der eine, Daniel Comboni, mit 26 Jahren todesmutig den Nil aufwärts reist und nach einem Jahr todkrank nach Italien zurückkehren muß, tritt der andere, Arnold Janssen, in seinem 24. Lebensjahr seine Stelle als Lehrer an der höheren Bürgerschule in Bocholt an.
- Daniel Comboni verfasst im Alter von 33 Jahren in einer Art Ekstase einen "Piano della Rigenerazione dell’Africa“ (Plan für die Wiedergeburt Afrikas); und Arnold Janssen schreibt im selben Alter wohl zur Aufbesserung seines Gehaltes in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift eine Abhandlung über die Membrandicke der Seifenblasen.
- Als Daniel Comboni 1870 an die "Eminenzen und Hochwürdigsten Väter“ des Ersten Vatikanischen Konzils seinen flammenden Appell zur Rettung Afrikas ("Postulatum pro Nigris Africae Centralis“) richtet, unterrichtet der um sieben Jahre jüngere Arnold Janssen in Bocholt so aufregende Fächer wie kaufmännisches Rechnen, Mathematik, Chemie, Physik, Naturbeschreibung und Französisch.
Daß die Bildnisse dieser beiden Männer einmal miteinander an der Fassade von St. Peter in Rom angebracht würden, das war nun wirklich so unwahrscheinlich, wie es unmöglich scheint, daß der Rhein einmal in den Gardasee münden könnte. - "Bei Gott ist nichts unmöglich!“ muß/darf sich ein Mädchen namens Maria aus dem Munde eines Erzengels anhören. - "In der Kirche ist auch nichts unmöglich!“ darf man in Bezug auf die gemeinsame Heiligsprechung dieser beiden Männer endlich auch einmal in einem positiven Sinne von der römisch-katholischen Kirche sagen!
Comboni in Deutschland
Schon bevor er seinen revolutionären, nennen wir ihn der Einfachheit halber "Plan für Afrika“ entwickelt hatte, schlug Comboni in ganz Europa die Werbetrommel für die Mission in Zentralafrika. U.a. führte ihn das auch zum "Verein zur Unterstützung der armen Negerkinder“ in Köln. Dieser "Negerverein“, wie ihn Janssen später nannte, hatte es sich zum Ziel gesetzt, Kinder aus der Sklaverei freizukaufen und in europäischen Klöstern und anderen Einrichtungen unterzubringen. Die Verbindung zu Deutschland war so gut, daß Comboni 1871 auf der "Generalversammlung der katholischen Vereine“ in Mainz auftreten durfte. - Aus diesen Generalversammlungen wurden später die Katholikentage. - Es ist sehr wahrscheinlich, daß Arnold Janssen Comboni in Mainz zumindest als Redner erlebt hat, war er doch spätestens seit 1862 eifriger Besucher dieser Veranstaltungen. Vielleicht ist ihm sogar das einprägsame Motto dieses stürmischen Italieners im Gedächtnis haften geblieben: "O Nigrizia o Morte!“ (Schwarzafrika oder Tod!). Dieses Schlagwort hatte Daniel Comboni auf der Generalversammlung in Mainz zum ersten Mal verwendet.
Seit 1864 reiste Comboni in ganz Europa herum, um für seinen "Plan für Afrika“ zu werben; er sprach u.a. bei den Missionswerken in Lyon und Paris vor, sowie an den Höfen von Paris, Wien, Dresden, Brüssel und St. Petersburg. Von 1867 an hätte er dabei theoretisch innerhalb des deutschsprachigen Raumes Arnold Janssen treffen können: Der benützte von diesem Jahr an seine Ferien, um im deutschsprachigen Gebiet, in Luxemburg, in Lothringen, im Elsass, in der Schweiz, in Österreich, in Böhmen und in Schlesien für das sogenannte Gebetsapostolat zu werben. Sein Ziel war die Stärkung des Glaubens des katholischen Volkes durch Gebetsübungen und -formeln. Ganz ihrem Charakter entsprechend hatte der Italiener den schwarzen Kontinent im Kopf, der Schulmeister von Bocholt hingegen das überschaubare deutsche Sprachgebiet.
Der erste direkte Kontakt
Der erste direkte Kontakt zwischen Arnold Janssen und Daniel Comboni findet brieflich statt, verursacht wurde er durch nichts anderes als den "schnöden Mammon“. Der Brief ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die Höflichkeit so übertreiben kann, daß der Angesprochene sich dabei unwohl fühlen muß, was Janssen wohl auch im Sinne hatte. Am 18.Februar 1875, das ist ein halbes Jahr vor der Gründung in Steyl, schreibt er aus Kempen, wo er zu dieser Zeit Hauskaplan bei den Ursulinen ist: "Hochwürdigster Hochgeehrter Herr Provikar! Sie oder Herr Carcereri werden vor etwa 2 Jahren eine Summe von ca. 2000 frs. zum Loskauf von etwa 10 Negerknaben zu El Obeid durch Vermittlung des H.Pfarrer Nöcker in Köln von mir erhalten haben. (...) Aber ich habe noch nicht die geringste Nachricht erhalten, obwohl jetzt beinahe 2 ½ Jahre seit der Zeit verflossen sind. Ich werde von den Wohltätern gefragt - und kann nicht antworten.“ (Das ist ein Problem, das, mit Verlaub gesagt, jedem bekannt ist, der mit Missionaren zu tun hat …) - Und dann fährt Janssen auf geradezu ätzende Weise fort: "Natürlich bin ich jetzt völlig außer Stande, das Geringste für Sie zu tun und habe auch bis jetzt in meiner ,Monatsschrift der Glaubensverbreitung’, wovon ich 3 Nr. unter Streifband mitkommen lasse, von Ihrer Mission auch nicht das Geringste gesagt. Ich will durch das Vorhergehende keinen Vorwurf erheben, indem wahrscheinlich ein mir unbekanntes Hindernis zu Grunde liegt, möchte aber doch diese Sache zu Euer Hochwürden gefälliger Kenntnis zu bringen mir erlauben. Indem ich mich in Ihre guten Werke empfehle, erlaube ich mir, mich zu nennen Euer Gnaden untertänigster Diener Arnold Janssen.“
Unter PS fügt er hinzu: "Die Sammlungen geschahen auf Grund des ersten Berichtes des H. Carcereri aus El Obeid, wo er großes Verlangen äußerte, dort Kinder kaufen zu dürfen und den Preis auf 180 - 300 frs. angab.“ - Carcereri war damals Provikar Combonis, das ist in etwa die Stellung des Generalvikars in einer Diözese.
Der Zeitpunkt der Sammlungen ist etwas überraschend: 1872 war für Arnold Janssen die sogenannte Heidenmission noch ein Randthema. Seine Hauptanliegen waren damals das Gebetsapostolat und die Wiedervereinigung der getrennten Christen. Offensichtlich hat ihn der Bericht von Carcereri aber so beeindruckt, daß er dessen Sammelaufruf unterstützte, vielleicht sogar organisierte. U.U. war Carcereris Bericht für ihn auch ein wesentlicher Anstoß dafür gewesen, sich mit den Problemen der Weltmission auseinander zu setzen. Jedenfalls gründete er zwei Jahre später, 1874, die im Brief genannte "Monatsschrift der Glaubensverbreitung“, die er "Kleiner Herz Jesu Bote“ nannte und mit der er "über die katholischen Missionen des In- und Auslandes (...) belehren“ wollte.
Daniel Comboni antwortete, zieht man die Entfernung und die Umstände in Betracht, geradezu postwendend am 14. April 1875 aus Khartum. Es sind in seiner ausladenden, an das Barock erinnernden Handschrift achteinhalb DIN A5 Seiten in Latein. Er ist offensichtlich bemüht, diese neue Quelle von Wohltätern nicht zu verlieren. Also trieft der Brief geradezu von Superlativen, eine Ausdrucksweise, die die Italiener ja auch heute noch gerne pflegen: Da wird Arnold Janssen als "illustrissime ac colendissime domine“ angesprochen, und ihm gedankt für die Beilage aus seiner "piissima Zeitschrift mit dem "dulcissimus titulus Kleiner Herz Jesu Bote“. Weiters ist in Combonis Brief von "fortissimi Episcopi, Sacerdotes und fideles“ in Deutschland die Rede. Die Wohltäter sind "piissimi“ und weil Pfarrer Nöcker von Köln im Geldüberweisen "exactissimus“ und "fidelissimus“ ist, liegt die Schuld bei einem anderen: "Rdus Dnus Carcereri (…) est valentissimus Scriptor et Redactor, (...) sed (ut versitatem confidenter et secrete tibi dicam) est pessimus administrator, et incapacissimus in rebus agendis.“ Unterschrieben ist der Brief mit: "In Sacramentissimo Corde Jesu me humiliter subscribo Tuissimus in Christo famulus Daniel Comboni, Prov-Vicarius Aplus. Africae Centralis.“
Nun, Janssen scheint beruhigt und bestätigt den Brief in französischer Sprache: "Je suis, Mgr., votre humble Serviteur Arnold Janssen.“
Persönliche Begegnung
Im November 1877 folgt Comboni einer Einladung nach Steyl und weiht die Kapelle des 1875 gegründeten Missionshauses. Die Zusicherung seines Kommens unterschreibt er mit "Votre bien affectuex Daniele, Eveque Vicaire Apostolique“. Den Brief selbst hat er offensichtlich von jemand anderem schreiben lassen, er ist in der deutschen Kurrentschrift verfaßt.
Combonis Besuch bringt die beiden Männer einander auch menschlich nahe. Der Kleine Herz Jesu Bote berichtet darüber in der Dezemberausgabe unter "Vermischtes“: "Am 5. und 6. November hatten wir die Ehre, den Besuch des, am 15.August d.J. in Rom zum Bischof geweihten, hochwürdigsten apostolischen Vikars von Mittelafrika, Daniel Comboni, seines Sekretärs und des Herrn Pfarrer Nöcker, Präsident des Negervereins in Köln zu empfangen. Comboni ist ein, in fast ganz Europa bekannter eifriger Missionar von schöner, kräftiger Statur, höchst einfachem schlichtem Wesen und wunderbar feurigem Geiste.“ Nicht zuletzt eine gute Portion Stolz schwingt wohl mit, wenn es in dem Bericht weiter heißt: "Die Herren verwunderten sich ungemein über die schon so bedeutende Entwicklung, die das Werk unseres Hauses in der kurzen Zeit von zwei Jahren erlangt habe. Und Msgr. Comboni war es, der zum Rektor des Hauses sagte: (...) ,Non parvam vel mediocrem, sed permagnam benedictionem Dei tu habuisti, crede mihi, scio de hac re!’ (d.h. ,Nicht einen kleinen oder mittelmäßigen, sondern einen sehr großen Segen Gottes haben Sie gehabt; glauben Sie mir, ich weiß von dieser Sache.’)“
Comboni muß in Steyl auch von seinen persönlichen Problemen, d.h. von den Unterstellungen gegen seine Person und den Untersuchungen durch den Vatikan berichtet haben, was großes, gegenseitiges Vertrauen voraussetzt. Im oben genannten Bericht heißt es dazu dezent: "Wie ungemein rührend waren seine Erzählungen über die Schwierigkeiten, die er gehabt, über die Verkennungen, Verleumdungen und ungerechten Anklagen, die ihm widerfahren waren, sowie über das Misstrauen, das ihm auf seinem dornenvollen Wege begegnet war. (...) Übrigens fügte Monsignore Comboni zum Schlusse bei: Sed confidite, cornua Christi sunt fortiora quam cornua diaboli, d.h. ,Aber vertrauet, die Hörner Christi sind stärker als die Hörner des Teufels!’”
Zwischen den beiden Männern muß trotz aller charakterlichen Unterschiede auf Anhieb, wie man heute sagen würde, "die Chemie“ gestimmt haben. Dabei haben sie auch rein äußerlich ein sehr unterschiedliches Paar abgegeben: Die mächtige Gestalt des Daniele Comboni mit seinem Rauschebart und der schmächtige, gerade einmal 1,65 Meter große Arnold Janssen - bei dem übrigens später sogar die Mitbrüder in der Mission um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Bart tragen wollten.
Der Eindruck, den Comboni machte, war nachhaltig. Der Nachfolger Janssens, Nikolaus Blum, schreibt noch 25 Jahre später voller Begeisterung: "1877 war Bischof Comboni hier und hielt latine eine herrliche Missionsrede.“ Vielleicht hat sich Blum gerade deswegen so gut daran erinnert, weil Janssen ein ausgesprochen langweiliger Redner war?
Umgekehrt müssen auch Comboni und seine Begleiter die besten Eindrücke von Arnold Janssen und seinem Werk gewonnen haben. Janssen berichtet von seinem Besuch in Verona im Juli 1878, also ein dreiviertel Jahr später: "Sonntagfrüh um 4 1/2 stieg ich in Verona aus der Eisenbahn. Ich ließ mich zum afrikanischen Kolleg führen. Der Rektor Rossi, der vorigen Winter mit H.Bischof Comboni bei uns war, klatschte vor Freude in die Hände, als er mich sah, so voll war er noch von dem Besuch, den er vorigen Herbst bei uns in Steyl gemacht.“ Janssen schreibt den Brief übrigens von Brixen aus, wo er am selben Tag oder tags zuvor zum ersten Mal mit Josef Freinademetz zusammengetroffen war, der mit Janssen und Comboni am 5. Oktober 2003 heilig gesprochen wurde.
Der Kleine Herz Jesu Bote berichtet
Der Kleine Herz Jesu Bote hatte bereits ab Juni 1877, also noch ein paar Monate vor Combonis Besuch, ausführliche Berichte über den Afrika-Missionar und sein Werk veröffentlicht, die sich wie Lobeshymnen anhören: Daniel "Komboni“ (sic!) "war mit den Mutigsten vorgedrungen bis in die noch unbekannten Gegenden, welche der Weiße Nil bespülte. Entbehrung und Ungemach, Hitze und Krankheit hatten auch ihn bis an den Rand des Grabes gebracht. Aber der Herr erhielt ihm das Leben, damit er für den großen Zweck, die Bekehrung des mittleren Afrika, noch ferner tätig sei. Es ist an der Zeit, über diesen Missionar etwas zu sagen, dessen Name wahrscheinlich einst noch mit Ehren wird genannt werden, wenn die vielen andern vergessen sein werden, die sich jetzt mit ihren Entdeckungen in Afrika brüsten.“
Des Weiteren wird in dem Artikel der Afrika-Plan Combonis und die Reaktion des Präfekten der Propaganda Fide, Kardinal Barnabó, ausführlich beschrieben.
In der Juli- und Novemberausgabe desselben Jahrganges wurde die Berichterstattung über Comboni und sein Werk sehr ausführlich fortgesetzt. Die Redaktion dürfte diese exakten und detaillierten Informationen, die, wie gesagt noch vor Combonis Besuch veröffentlicht wurden, von Pfarrer Nöcker, dem Leiter des Kölner Vereins "zur Unterstützung armer Negerkinder“ erhalten haben, da einmal auch ausdrücklich aus einem Brief Combonis "an den Negerverein in Köln“ zitiert wird.
Zwei Jahre nach Combonis Besuch, im November 1879, bringt der Kleine Herz Jesu Bote dann einen Bericht aus Combonis Feder über den "Besuch eines Negerhäuptlings in einem Missionshause“ und im Monat darauf einen langen Bericht über die "Bedrängte Lage der Negermission von Mittel-Afrika“, den Comboni offensichtlich an den Kölner Verein geschickt hatte. Die November-Ausgabe von 1881 des Kleinen Herz Jesu Boten berichtet dann in wenigen Zeilen: "Tod des apost. Vikars D.Comboni. Die Mission von Mittelafrika hat einen sehr schweren Verlust erlitten. Durch den Tod ihres Gründers, des Apostol. Vikars Daniel Comboni. Näheres über den, um die Mission Afrikas so hoch verdienten Mann später.“
Dieses "Nähere“ bringt der Kleine Herz Jesu Bote dann von März bis Dezember 1883 Monat für Monat unter dem Titel "Msgr. Daniel Comboni, erster apostolischer Vikar von Mittel-Afrika, gestorben am 10. Oktober 1881“. Es sind seitenlange Berichte über das Werk Combonis. Die letzte Folge schließt mit den Worten: "Als der Telegraph die Trauerkunde nach Europa hinübertrug, dachte und sprach wohl Mancher, der die ausgezeichnete Persönlichkeit des Verstorbenen kennen gelernt hatte, mit Sr. Heiligkeit Leo XIII.: ,Armes Afrika! Es ist ein großer Verlust. Comboni war eine große Seele.’“ Daß Arnold Janssen selbst diese Artikel redigiert oder gar geschrieben hat, ist sehr unwahrscheinlich, hatte er doch bereits 1877 die Redaktion an einen Mitbruder abgegeben. Es darf aber als sicher angenommen werden, dass er nach wie vor die Richtung vorgab und dass ohne sein placet im Herz Jesu Boten nichts erscheinen konnte.
Der gegenseitige Briefverkehr
Im Archiv des SVD-Generalats sind insgesamt vier Briefe Arnold Janssens an Daniel Comboni erhalten und drei von Daniel Comboni an Janssen (einer aus Khartum, die anderen aus Italien geschrieben); diese Korrespondenz erstreckt sich von 1875 bis 1879. Sie schreiben sich in Deutsch, Französisch und Latein.
Einmal abgesehen vom ersten, oben zitierten Brief, kommt in den anderen Briefen die Wertschätzung zum Ausdruck, die die beiden Männer offensichtlich füreinander empfanden.
Arnold Janssen schreibt am 16.November 1879 voller Mitgefühl an den "Hochwürdigsten Herrn“: "Soeben habe ich Ihre Leidensgeschichte (gemeint ist die Dürrekatastrophe und der Tod von Missionspersonal) gelesen (...) Ich wollte Ihnen hierdurch mein Beileid bezeugen und zugleich dazu Glück wünschen, dass dieser Schlag vorerst vorüber gebraust ist. (...) Was müssen wir (sic!) erwarten, wenn Sie von solchen Schlägen heimgesucht werden. (...)
Der gute Gott möge Sie trösten (...) Wenn Sie nach Köln kommen, besuchen Sie uns mal wieder (...) Herzlich grüßend ehrerbietigst A.Janssen, Rector.“
Unkompliziert wie ihr Verhältnis sind jetzt auch Anrede und Grußformel geworden.
Zu einem weiteren Besuch Combonis in Steyl ist es offensichtlich nicht mehr gekommen, wohl auch zu keinem weiteren persönlichen Zusammentreffen. Aber weil Janssen im oben zitierten Brief vom 16.November 1879 vom Wachsen seiner Gemeinschaft und von der Aussendung der ersten zwei Missionare nach China geschrieben hatte, kommt unter dem 20.11. aus Verona eine Anfrage an den "besten Freund“: "Der Sturm ist vorüber, die Wogen haben sich gelegt und wieder erscheint der Hoffnungsstern am Firmament; um desto süßer klingt mir das Beileid aus Steyl, weil ich dasselbe mit Ruhe genießen kann. (...) Der Entwicklung Ihres Hauses bin ich stets mit Interesse gefolgt, weil ich mich immer der süßen Hoffnung hingab, dasselbe möchte eines Tages ein wahrer Segen für das unglückliche Central-Afrika werden. (...) Sehend, daß Sie über eine nicht geringe Zahl Zöglinge zu verfügen haben, will ich jetzt tun, was ich (...) unterlassen habe, nämlich Sie bitten mir mit (sic!) so viele als möglich Ihrer wackern Söhne abtreten zu wollen. Ich bin bereit, Priester, Lehrer und Handwerker sofort aufzunehmen. (...) Indem ich der Erfüllung meines Wunsches entgegensehe, und Ihre gütigen Mitteilungen sehnlichst erwarte, verbleibe ich Ihr aufrichtig ergebenster Freund ...“
Dieser erste Teil des Briefes ist wieder von fremder Hand in deutscher Kurrentschrift geschrieben und ohne Unterschrift.
Der zweite, längere Teil ist in Latein und von Comboni selbst geschrieben und enthält teilweise sehr persönliche Passagen, auch über Schwierigkeiten mit seinen Mitstreitern, was ein vertrauensvolles Verhältnis zum Empfänger voraussetzt. Im Anhang heißt es u.a.: "Si vocationes habes, mitte.“ – Das mag zwar nicht gerade klassisches Latein sein, aber dafür ist es umso leichter zu verstehen: "Wenn Du Berufe hast, dann schick’ sie mir!“
Arnold Janssen muß ihm antworten, er tut das am 25. November 1879 in Latein, daß er zu diesem Zeitpunkt weder Priester noch Brüder, noch Kleriker noch Schwestern schicken kann, weil er zwar 70 Schüler, aber nur sechs Theologiestudenten habe. "Aber später wird man sehen“, schreibt er am Schluß tröstend.
Nun, Tatsache ist, daß die SVD je weder im Sudan noch in Uganda tätig wurde. Erst 1892 schickt Janssen die ersten Missionare in den schwarzen Kontinent, und zwar auf Drängen Roms in die damalige deutsche Kolonie Togo. Heute hat Afrika für die Steyler Missionare Priorität.
Gegenseitiger Rat
In dem zuletzt zitierten Brief vom 25.11.1879 gibt Janssen Comboni einen Rat, wie er Berufe erhalten könne: "Aber warum haben Eure Excellenz keine Schule für die humanistischen Studien errichtet? (…) Also eröffnen Sie eine Schule und Sie werden ein gutes Fundament Ihrer Mission haben!“ Wie Comboni hatte auch Arnold Janssen, als er sich mit dem Gedanken der Gründung eines Missionshauses herumschlug, ursprünglich nur an die Ausbildung von bereits geweihten Priestern gedacht, die in die Mission gehen wollten. Erst als sich solche nicht meldeten, ging er daran, in Steyl eine Schule mit Internat einzurichten. Von den "Zöglingen“ wurden dann tatsächlich viele Priester. In Verona befolgt man Janssens Rat und behält ihn auch nach Combonis Tod in guter Erinnerung, wie er sich selber überzeugen kann: "In Verona fand ich wie in Mailand 7-8 Zöglinge. (...) Ich wurde dort mit großer Freundlichkeit aufgenommen. (...) Es wurden mir dort die Zimmer von Mons. Comboni selig angewiesen und habe ich auf seinem Bette geschlafen. Es soll ihm ein Monument errichtet werden.“ Das teilt ein offensichtlich zufriedener Janssen seinem Bruder Johannes 1883 mit.
Wie man in Verona auf Janssen hörte, so hörte Janssen auch auf Comboni: Der Janssen-Biograph Josef Alt bezeichnet Comboni in der Frage, ob er auch einen weiblichen Zweig gründen sollte, als Arnold Janssens "wichtigsten Ratgeber. (…) Bei seinem Besuch Ende des Jahres 1877 führte derselbe zwar aus, daß man auch fremde weibliche Genossenschaften zur Mitarbeit einladen könne, doch wäre das mit einer Reihe von Schwierigkeiten verbunden: ,Deshalb riet er bestimmt’, zitiert Alt Janssen, ,eine eigene Genossenschaft zu gründen. Ich konnte mich aber noch nicht entscheiden, Hand ans Werk zu leben, bis ich deutlichere Fingerzeige von oben erhalten (hatte).’“
Eines Geistes Kinder
Auch wenn sie ihrer Herkunft nach, in ihrem Werden und Aussehen sehr verschieden waren, so waren Arnold Janssen und Daniel Comboni doch desselben Geistes Kinder, hatten sie spirituell dieselbe Wellenlänge, was sich anhand der Herz Jesu-Verehrung leicht zeigen läßt.
Wohl zu Recht nennt sich die Kongregation heute "Comboni-Missionare vom Herzen Jesu“.
John Manuel Lozano schreibt: "Combonis Ausrichtung auf Christus verdichtete sich allmählich in ein Symbol: Das Herz Christi. Seine Schriften bezeugen eine so tiefe und glühende Verehrung des Herzens Jesu, daß es unmöglich ist, die religiöse Erfahrung ohne die Beziehung zu dieser Verehrung , die sein Leben immer mehr erfüllte, zu verstehen“. Das Gleiche könnte man auch für den Steyler Gründer Arnold Janssen anführen.
Nicht von ungefähr benennt Janssen seine Zeitschrift Kleiner Herz Jesu Bote, was nach Comboni ein, wie wir gesehen haben, "dulcissimus titulus“ ist. Und wie Comboni sein Knabenseminar in Kairo und später sein ganzes Vikariat dem Herzen Jesu weiht, so weiht Arnold Janssen das Mutterkloster seiner Missionsschwestern in Steyl dem Herzen Jesu.
Schließlich verbindet die beiden auch noch eine gewisse Nähe zu Margareta Maria Alacoque, deren Name aus der Herz-Jesu-Verehrung nicht wegzudenken ist. Comboni hat immer wieder betont, daß er "die charismatische Erfahrung“ in der er seinen "Plan für die Wiedergeburt Afrikas“ entwarf, "während des Triduums für die Selige Margareta Maria Alacoque“ machte: "Und am 18. (September 1864), als diese Dienerin Gottes seliggesprochen wurde, las Kardinal Barnabó meinen Plan.“ "Wir können auch noch festhalten“, schreibt Lozano, "dass der ,Plan’ dasselbe Datum trägt wie die Seligsprechung.“
Arnold Janssen wiederum unterzeichnet den Kaufvertrag für das Grundstück und das Wirtshaus in Steyl, aus dem dann das Missionshaus St. Michael wurde, bewußt am 16.Juni 1875. "An diesem Tag wurde“, so Josef Alt, "das 200jährige Jubiläum der Erscheinungen des Herzens Jesu vor Maria Alacoque in der ganzen katholischen Kirche feierlich begangen.“ Arnold Janssen schreibt: "Es wurde beschlossen, diesen Tag auch zum Gründungstage der neu zu bildenden Missionsgenossenschaft zu machen. (..) Wir hatten nun beschlossen, uns an diesem Tage (...), ein jeder, wo er weilte, (...) dem göttlichen Herzen Jesu zum hl. Zwecke des Missionshauses zu weihen.“ In der August-Nummer des Kleinen Herz Jesu Boten vom Jahr 1875 nennt Arnold Janssen als "Wahlspruch und Devise“ der Steyler Gemeinschaft: "Vivat Cor Jesu in cordibus hominum! Es lebe das Herz Jesu in den Herzen der Menschen!“ So gesehen hätten eigentlich die Steyler fast schon mehr Grund als die Combonis, sich nach dem Herzen Jesu zu benennen…
Getrieben vom Willen Gottes
Schließlich möchte ich noch ein Moment erwähnen, das für beide in gleicher Intensität lebensbestimmend war und sie zu dem machte, was man als heilig bezeichnen muß: Beide haben mit all ihren Kräften, mit all ihrer Energie, mit all ihrem Willen das zu tun versucht, was man als "Wille Gottes“ bezeichnet.
Während Comboni sich schon als Jugendlicher sicher war, dass sein Drang nach Afrika dem Willen Gottes entspreche, musste sich Janssen erst dazu durchringen, dass die Gründung eines Missionshauses seine Aufgabe sein könnte. "Janssens Sorge von Anfang an war gewesen, den Willen Gottes zu erkennen; er wollte nur den Willen des Vaters tun“, urteilt Fritz Bornemann. Bei der Eröffnung des Hauses in Steyl sagt er: "So mag der liebe Gott mit uns tun, was er will. Wird aus unserm Haus etwas, so wollen wir das der Gnade Gottes danken, und wird nichts daraus, so wollen wir demütig gegen die Brust schlagen und bekennen: wir waren der Gnade nicht wert.“
Janssen war damals 38 Jahre alt. Nun kann man ja nicht sagen, er hätte bis dahin nicht auch schon den Willen Gottes zu erfüllen versucht. Zur Gründung in Steyl hat kein besonderes Bekehrungserlebnis geführt. Ausschlaggebend dürfte das Drängen des Apostolischen Vikars von Hongkong gewesen sein. Der Geist Gottes, so dürfen wir das heute sehen, hat dann allerdings "ganze Arbeit“ geleistet. Aus dem Gymnasiallehrer wurde ein Weltbürger, der seine Söhne und Töchter in die entferntesten Winkel unserer Erde schickte.
Daniel Comboni hatte zwar schon als Jugendlicher seine Richtung gefunden. Aber es wäre naiv, zu glauben, das wäre ohne Probleme abgegangen. Was ist in dem Mann vorgegangen, als er miterleben musste, wie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter oft in kürzester Zeit dahinstarben? Nicht wenige glaubten das als Fingerzeig Gottes deuten zu müssen, dass dieses Werk eben nicht "gottgefällig“ ist. Als Beispiel sei aus einem Brief vom 23.Juli 1859 zitiert: "Zu meinem Leidwesen wurde mir von allen empfohlen, Zentralafrika wenigstens vorübergehend zu verlassen ... Was ist da zu tun, mein Lieber? Nichts anderes, als frohen Herzens sich dem Willen Gottes zu überlassen, (...) bereit zu sein, alles zu opfern und mit allem fertig zu werden, um dem Willen Gottes zu folgen und ihn zu erfüllen.“
Vom Geist Gottes ver-rückt
Als Janssen zum ersten Mal wegen seiner Absichten, ein Missionshaus zu gründen, beim Bischof von Roermond vorgesprochen hatte, sagte der von ihm: "Entweder er ist ein Heiliger oder ein Narr!“ Ich möchte nicht wissen, wer alles Daniel Comboni für verrückt gehalten hat. Aber ich möchte den Kongregationen seiner Töchter und Söhne von Herzen gratulieren zu diesem Mann, der ja wirklich wie Janssen verrückt war, in dem Sinne verrückt, dass er nicht "normal“ war, sondern dass bei ihm die Normen kraft des Heiligen Geistes ver-rückt waren - und das ist schließlich der Maßstab, ob einer heilig ist oder nicht.
P. Sepp Hollweck SVD
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