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Homilie bei Vigilfeier für die Heiligsprechung von Daniel Comboni

4. Oktober 2003 in der Chiesa nuova in Rom

Kardinal Walter Kaper

"Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen“. Daniel Comboni begegnete dem Elend des Volkes in Afrika erstmals als er mit 17 Jahren einem Afrikaner begegnete, der auf einem Sklavenmarkt in Afrika losgekauft wurde. Da erfuhr er erstmals konkret das Afrika des 19. Jahrhunderts mit dem Sklavenhandel, den Stammesfehden, den Streitigkeiten der europäischen Mächte um Vorherrschaft, die Ausbeutung durch die Kolonialmächte. Damals legte er sein Versprechen ab, sich ganz der Evangelisierung Afrikas zu widmen.

Er tat es mit unglaublicher Kraft und Konsequenz und Leidenschaft. Eine Reise auf dem Rücken eines Kamels von Ägypten nach Khartum war damals eine ganz andere Sache als heute. Viele Missionare wurden bereits in ihren besten Jahren von Krankheiten erfasst und hinweggerafft. Es bestand die Gefahr das Missionsprojekt für Afrika aufzugeben. Ihn konnte keine Mühe und kein Misserfolg abschrecken. Bei Tag und bei Nacht, bei Regen und Sonnenschein, immer wollte er bereit sein, Menschen in Afrika, Armen und Reichen, Jungen und Alten, Gesunden und Kranken zu helfen. Er hielt durch und ermahnte noch auf dem Totenbett seine Mitbrüder ihrer missionarischen Berufung treu zu bleiben. Afrika oder Tod, war sein Motto. Die Bekehrung Afrikas war die Leidenschaft seines Lebens.

Er motivierte andere, begeisterte sie für die Mission, machte Reisen in fast alle Länder Europas, gründete verschiedene Institute, sammelte Freundeskreise, schrieb in Zeitungen, wandte sich an die Kongregation für die Mission, an den Papst, an die Konzilsväter des I. Vatikanischen Konzils. Er hatte eine Vision für Afrika und seine Wiedergeburt. Er wollte, dass Afrika einen Platz hat in der Kirche, im mystischen Leib Christi. So wurde er Apostel, Vater und Freund der Afrikaner. Sie sollten nicht mehr Objekt anderer sein, sondern selbst Subjekt, Menschen mit eigener Würde, Menschen mit einer großen Zukunft. Deshalb wollte er Afrika mit Hilfe der Afrikaner retten.

"Ich habe das Elend meines Volkes gesehen“. Dieses Wort erinnert mich an meine eigene Reise in den Sudan vor etwa 10 Jahren und an viele andere Reisen nach Afrika. Afrika leidet bis heute. Besonders der Sudan ist seit Jahren von einem schrecklichen ethnischen und religiösen Konflikt heimgesucht. Das Herz tut mir noch heute weh, wenn ich daran denke, was ich damals gesehen und gehört habe. Seither ist nichts besser geworden. Der Sudan und ganz Afrika brauchen auch heute noch Männer und Frauen wie Daniel Comboni. Männer und Frauen, welche die Afrikaner gerne haben und sich für sie einsetzen. Afrika braucht gute Hirten nach dem Vorbild Jesu, die ihr Leben hingeben für die Sache der Afrikaner.

Damit sind wir schon bei einem zweiten Punkt. Warum tat Comboni das alles? Warum lud er sich all diese Anstrengungen und Strapazen auf? Er tat es nicht als Philanthope, Forschungsreisender, Händler, Politiker oder Wirtschaftler, sondern – wie er in seinem Plan zur Wiedergeburt Afrikas 1864 schrieb – "im Geheimnis des gekreuzigten Christus“. "Ich bin mit Christus für Afrika gekreuzigt“, sagte er oft. Er sah für die Afrikaner nur einen Weg zu ihrer Würde: Der Glaube an Christus.

Daniel Comboni war ein von Jesus Christus Ergriffener, ein von Jesus Christus Überzeugter, ein von Jesus Christus in Dienst Genommener, und von und mit Jesus Christus ließ er sich unter das Kreuz stellen. Es war eine Theologie und Spiritualität des Kreuzes. Er, der Prophet, war zugleich ein Martyrer, ein guter Hirte, der in der Nachfolge Jesu sein Leben hingeben wollte für die Seinen. Deshalb schreckte er vor nichts und vor niemand zurück. Sein Leben war ein langes Martyrium. Nach seinem Tod brach dann ein blutiges Martyrium für seine Missionare und Missionarinnen an. Es dauert heute für viele afrikanische Christen und Europäer, die in Afrika noch missionarisch tätig sind, fort. Doch er wie diejenigen, die sich ihm anschlossen, waren und sind überzeugt: Im Kreuz ist Heil. Allein im Kreuz ist Heil. Das Blut der Martyrer ist der Samen für neue Christen.

So muss uns dieser neue Heilige aufschrecken und aufrütteln aus einem bequem gewordenen bürgerlichen und oft verbürgerlichten Christentum, das um das Kreuz einen großen Bogen macht, das ein Christsein zu herabgesetzten Preisen will, das opferscheu und schnell entmutigt ist, wenn Widerstände auftreten. Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht.

Noch ein Letztes. Für Daniel Comboni war das Christsein kein Privatbesitz, kein frommer Seelengarten, keine rein italienische, deutsche, europäische, provinzielle Angelegenheit. Er wusste: Christus hat sich am Kreuz für alle hingegeben und er hat seine Jünger in alle Welt hinausgesandt. Das Christsein ist universal, international, weltweit. Als Christen müssen wir in einer weltweiten und weltoffenen Perspektive denken und handeln. Als Christ muss man sich senden lassen. "Die Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch“, sagte das II. Vatikanische Konzil. Und Papst Johannes Paul II, der Daniel Comboni morgen heilig sprechen wird, hat in einer großen Missionsenzyklika davon geschrieben, dass dieser Missionsauftrag heute keineswegs erledigt ist. Er dauert fort. Ja, er ist heute ganz neu aktuell.

Aktuell ist der Missionsauftrag noch immer in Afrika, noch mehr in Asien und nicht zuletzt bei uns in Europa selbst. Täuschen wir uns doch nicht: Deutschland ist Missionsland geworden. Neuevangelisierung heißt deshalb das Programm, das der Papst uns immer wieder ans Herz legt. Aber was tun wir? Sind wir nicht viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Kreisen wir nicht viel zu viel um uns selbst? Richten wir uns nicht viel zu sehr in unseren eigenen Gemeinden und Ordensgemeinschaften ein? Interessieren uns wirklich die anderen, die draußen sind? Gibt es eine missionarische Leidenschaft und Bereitschaft? Haben wir überhaupt noch den Mut uns als Christen, als Katholiken zu bekennen, andere auf den Glauben anzusprechen, oder verstecken wir uns nicht? Sind wir vielleicht selbst nicht mehr so ganz von unserer Sache überzeugt und riskieren wir vielleicht deshalb nichts mehr?

Der Missionsauftrag gilt allen. Das hat Daniel Comboni schon damals entdeckt und betont. Er gilt nicht nur den Priestern und Ordensfrauen; er gilt ebenso den Laien. Comboni war einer der ersten, der die Bedeutung der Frauen für die Mission erkannt und ihren Dienst gefördert hat.

So will diese morgige Heiligsprechung uns allen einen neuen Elan, einen neuen Schwung, eine neue Begeisterung für Jesus Christus und seine Sache geben. Es ist die Sache Gottes und die Sache der Menschen. Es ist die Sache des Reiches Gottes und die Sache der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Es ist die Sache der Liebe ohne Grenzen. Möge vom morgigen Tag ein Funke neuer Begeisterung ausgehen und unser Herz treffen.

Seliger, heiliger Daniel Comboni bitte für uns.

Amen.

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