zurück zur Übersicht
Afrika durch Afrika retten
Versuch einer Würdigung des Lebens von Daniel Comboni und unser Engagement für Afrika
Die Heiligsprechung von Daniel Comboni war nicht nur ein Freudentag für die von ihm gegründete Ordensgemeinschaft, sondern auch für die ganze Kirche, vor allem natürlich für die Christen im Sudan und in ganz Afrika. Denn, wie sagte sein Nachfolger auf dem Bischofssitz von Khartum, Gabriel Zubeir Wako, der eben ins Kardinalskollegium berufen worden ist, sehr anschaulich: "Wir afrikanischen Christen sind Söhne und Töchter von Daniel Comboni.“
Comboni, der erste katholische Bischof von Zentralafrika, und einer der bedeutendsten Missionare in der jüngeren Geschichte der Kirche ist Gründer einer Ordensfamilie, die heute in über 40 Ländern der Erde eine segensreiche Arbeit leistet. Ich kann und will keinen Überblick über das facettenreiche und spannende Leben Daniel Combonis liefern. Nur einige Schlaglichter sollen auf bestimmte Punkte geworfen werden, die mir als Misereor-Chef besonders wichtig sind, und die mir wegweisend zu sein scheinen für das heutige kirchliche Engagement in Afrika.
Im Folgenden sollen vier Punkte zur Sprache kommen:
- Afrikaner missionieren Afrika
- Ein Umdenken in Europa ist notwendig.
- Ein Blick nach dem heutigen Afrika
- Comboni der Vorkämpfer für die Menschenwürde
Afrikaner missionieren Afrika
Das Wirken des neuen Heiligen begann bekanntlich mit einem "Desaster“: 1859 kam Comboni als junger Priester des von Nicola Mazza gegründeten Instituts (Das Institut nahm neben anderen Not leidenden Kindern auch freigekaufte Sklavenkinder bei sich auf – darauf komme ich noch zurück.) von einer wenig erfolgreichen Nilreise in den Südsudan schwer malariakrank zurück. Drei der Weggefährten Combonis waren gestorben. Das soziale und missionarische Engagement in Afrika erschien unmöglich, weil die Europäer den Krankheiten des Schwarzen Kontinents schlechterdings nicht gewachsen waren. Fünf Jahre später hatte dann Comboni beim Gebet am Grabe des heiligen Petrus in Rom die entscheidende Inspiration: Wenn die Christen der alten Welt es nicht tun konnten, dann sollten eben die Afrikaner selbst die Mission Afrikas übernehmen! Die Europäer mussten lediglich eine ausreichende Zahl von ihnen – Männer und Frauen- so weit ausbilden und fördern, dass sie das Evangelium in ihrer Heimat verkünden konnten. Diese damals wahrhaft revolutionäre Vision, Afrikaner auszubilden und zu Priestern und Bischöfen für Afrika zu weihen, ist mittlerweile nahezu vollständig verwirklicht: Heute sind fast alle Bischöfe in Afrika Afrikaner. Und afrikanische Schwestern leisten eine herausragende evangelisatorische Arbeit. Die Kirche in Afrika ist heute in der Lage, ihre Zukunft selber in die eigene Hand zu nehmen. Unsere Aufgabe kann lediglich sein, ihr hier beizustehen.
Ein Umdenken in Europa ist notwendig
Mit seiner Idee, Afrika durch Afrika zu retten, begann Comboni eine groß angelegte Propagandatour durch Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien. Er erbat von Königen, Bischöfen und Adeligen wie vom Kirchenvolk geistliche und materielle Unterstützung. Außerdem rief er eine Missionszeitschrift ins Leben – die erste in Italien. Combonis Bestreben war es, die in Europa herrschende Unwissenheit und negative Clichés über Afrika zu beseitigen – eine Aufgabe, mit der auch wir heute ebenso befasst sind. Comboni erkannte bereits damals, dass die Christianisierung und Entwicklung Afrikas nicht gelingen könne, solange nicht in Europa – in Kirche, Politik und Gesellschaft – ein Umdenken stattfinde. Sein Anliegen war es, den Europäern zu helfen, sich in die fremden Kulturen und Religionen Afrikas besser einfühlen zu können. Wir sprechen heute in der Entwicklungszusammenarbeit von Bewusstseins-, Bildungs- oder Inlandsarbeit.
Comboni erkannte sehr früh, dass keinem Land der Erde die Konfrontation mit den Erzeugnissen der europäischen Wissenschaft und Technik erspart bleiben würde. Tiefgreifende Transformationen würden auch Afrika bevorstehen. Der Heilige wollte daher das Beste aus beiden Kulturkreisen harmonisch zusammenbringen. Er schätze die traditionelle afrikanische Kultur hoch. Er war aber davon überzeugt, dass keine Kultur sich entwickeln könne, wenn sie auf sich allein bezogen bliebe.
In diesem Sinne begriff er die Begegnung des Schwarzen Kontinents mit der Botschaft von Jesus Christus als Chance.
Unbestritten atmete die Christianisierung zu seiner Zeit den Geist des Kolonialismus und zeitigte auch negative Folgen, denen der Heilige zu begegnen suchte. Sein Ziel, einheimische Priester und Bischöfe für Afrika heranzubilden, war der Versuch, das Christentum durch Afrikaner einzuwurzeln. Die Bemühungen gehen bereits in die Richtung von "Inkulturation“, wie wir heute sagen würden. Seinen Inkulturationsbestrebungen gingen zum Teil bereits sehr ins Detail. So finden wir bei Comboni Bemühungen, traditionelle katholische Frömmigkeitsformen wie die Herz-Jesu-Verehrung beispielsweise in den afrikanischen Kontext und in die Leidensgeschichte des Schwarzen Kontinents hinein zu übersetzen. Das Evangelium – davon war Comboni überzeugt – würde sich als Same erweisen, negative Strukturen und Gegebenheiten – wie z.B. die Sklaverei, die unterdrückte Stellung der afrikanischen Frau – allmählich zu beseitigen. Comboni sah einen gemeinsamen Weg, den europäische und afrikanische Christen miteinander gehen müssten, ohne dass Mission Abhängigkeit schaffen dürfe. Der Heilige hat in diesem Sinne Missionsarbeit als gemeinsamen Lernprozess verstanden. Kein Missionsorden oder –institut findet den richtigen Weg allein, ohne die Mitarbeit und das Engagement der jungen Ortskirchen im Süden.
Eine weiter Stärke des Heiligen soll in diesem Zusammenhang benannt werden. Gegenwärtig wird viel vom Dialog der Religionen gesprochen und dieser wird of tauch ungut gegen die frühere Mission ausgespielt. Der Dialog der Religionen ist ohne Zweifel sehr wichtig. Daniel Comboni hat ihn schon zu seiner Zeit praktiziert, nicht institutionalisiert, sonder auf der – wie man so schön sagt – zwischenmenschlichen Ebene. Er war ein sehr kontaktfreudiger Mensch. Er verstand es, nicht nur Freundschaft mit Personen aus den verschiedensten sozialen Schichten, sondern auch mit Angehörigen anderer Religionen zu pflegen. Ich betone das, weil islamistische Fundamentalisten z.B. die Christen des Sudans bedrohen, sie verfolgen und Religionshass schüren, bei meinem Besuch im Südsudan wurde ich mit dieser traurigen Tatsache konfrontiert. Allen religiösen Überzeugungen begegnete Comboni mit Hochachtung.
Eine zentrale Frage der Kirche in Europa im Hinblick auf die Menschheit ist heute – anders als zur Zeit von Daniel Comboni – nicht mehr die Begegnung mit völlig fremden Kulturen, sondern die Situierung in einer Weltzivilisation, die im Zuge der Globalisierung alle früheren Kulturen in ihren Sog zu reißen droht. Sie zwingt nicht nur allen ständig neue Transformationen auf, sondern gefährdet deren Bestand und sogar deren Überleben. Das Umdenken in Europa muss sich dieser umfassenden Herausforderung stellen.
Ein Blick nach dem heutigen Afrika
Daniel Comboni, der Mitte des 19. Jahrhunderts einen revolutionären "Plan für die Erneuerung Afrikas“ hatte, - was würde er heute zu seinem ihm so am Herzen liegenden Kontinent sagen? Wenn wir heute nach Afrika blicken, müssen wir – wie er damals – weiterhin viel Leid und viele Problemfelder erkennen. Manches in diesem geschundene Kontinent harrt weiterhin auf eine Lösung. Afrika hat sich auch heute mit furchtbaren Realitäten auseinander zu setzen. Hunger und die epidemischen Krankheiten wie AIDS und Malaria dezimieren die Bevölkerung in vielen Teilen Afrikas. Bürgerkriege, die z.B. barbarisch sogar mit Kindern geführt werden, bringen Tod und Leid. Der afrikanische Kontinent ist in Bewegung. Er ist Verlierer im Globalisierungsprozess. Dies liegt auch an der Käuflichkeit von Entscheidungsträgern, weit verbreiteter Korruption, dem Zerfall selbst einstmals blühender Länder, der zunehmenden Privatisierung von kriegerischen Gewaltakten, dem Zerfall staatlicher Ordnungsmacht und der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit des Rechtsstaats einerseits, den Begehrlichkeiten internationaler Kräfte in Bezug auf Afrikas Ressourcen (Diamanten, Öl, Geld, Holz), an Benachteiligungen im Welthandel und an einer (immer noch) bedenklichen Schuldensituation andererseits. Hinzu kommen zumindest vordergründig auf interreligiösen oder ethnischen Spannungen beruhende Auseinandersetzungen.
Im unmittelbaren Wirkungsbereich Combonis, in Nord-Uganda, spielen sich unter den nilotischen Völkern der Acholi, Lango, Kunam und Teso aufreibenden Kämpfe ab, infolge derer hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Oft fehlt es am Notwendigsten, an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Besonders grausam sind die Angriffe der sog. "Lord’s Resistance Army“, die während siebzehn Jahren des Terrors mehrere Zehntausende Menschen umbrachten und über 20.000 Kinder in die Sklaverei verschleppt oder in die Reihen der Kriegsführenden hineingezwungen haben. Die Comboni Missionare und Missionarinnen vor Ort waren und sind unmittelbare Zeugen dieser Gräueltaten. Sie unterstützen nach Kräften Bemühungen um einen Frieden. Sie sind auch die Garantie dafür, dass die Weltgemeinschaft den Krieg mit Terrorakten zumindest nicht ganz vergisst, der seit über 20 Jahren den Südsudan zerstört, bereits Hunderttausende Menschenleben gefordert hat und in das Flüchtlingsdasein trieb.
Diese wenigen Angaben veranlassen mich, auf etwas hinzuweisen, das mich zurzeit besonders bedrückt. Es ist die unglaubliche Einseitigkeit, mit der gegenwärtig in der großen Weltpolitik der Sicherheitsbegriff bestimmt wird. Sicherheit wird nun plötzlich von der 11.September-Leidenserfahrung in New York her gefasst. Und der Schutz der Sicherheit wird mit einem weltweiten "Krieg“ gegen die Terroristen verbunden. Die Bush-Administration und deren Expertenzuarbeiter drängen mit ihrer Definition über die Medien verstärkt auch in unseren Alltag. Das ist jedoch eine ungeheuerliche Verkürzung. Wenn ich das so dezidiert sage, dann tue ich das auch aufgrund der Aussagen vieler Bischöfe des Südens, mit denen Misereor zusammenarbeitet. Die Bischöfe drückten – so wie wir alle – ihr Entsetzen und ihre strikte Verurteilung über die Terroranschläge vom 11. September aus. Und ihr tiefes Mitgefühl und Empfinden mit den Hinterbliebenen. Und ich glaube, sie sind aufgrund der vielfachen Leiderfahrung ihrer Völker dazu besonders in der Lage.
Hier sind wir aber auch am zentralen Punkt:
Diese Bischöfe und die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika konnten so sehr mitfühle, weil die Gefährdung der Sicherheit der Armen im Süden dort längst vor dem 11. September nicht nur prekär, extrem bedroht und zumeist in den Kamin geschrieben war. Wer kümmert sich schon um die Sicherheit der Armen?! Wer sprach von Krieg gegen die Armut, die jährlich Millionen hinweg rafft.
Hätten wir nicht längst all unsere Kräfte gegen Hunger in der Welt mobilisieren müssen, jene Geißel, die das Leben von 830 Millionen Menschen tagtäglich nicht sicher sein lässt. Wer weiß, ob dann der Terrorismus überhaupt eine Chance gehabt hätte. Wie viele Milliarden z.B. wurden nach der hehren Erklärung auf dem Milleniumsgipfel der Vereinten Nationen 2000 in New York tatsächlich bereitgestellt, um die Anzahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren? Für den Krieg gegen den Irak jedoch waren schlagartig 75 Milliarden und nun wiederum 86 Milliarden zur Verfügung. Welche Kräfte wurden da plötzlich mobilisiert – im Dienst der Sicherheit wessen?
Ich komme eben aus Afrika von einem Treffen mit Bischöfen aus ganz Afrika. Bischöfe aus der Sahelzone und Anrainerländern wiesen darauf hin, dass die Bush-Administration zurzeit die Baumwollfaser der USA mit 3 Milliarden $ subventioniert. Aber gerade dadurch wird die Überlebenssicherheit der Kinder der Baumwollbauern in Burkina Faso, Mali, Niger und Benin extrem gefährdet. Diese Bauern hatten aufgrund der Subventionszahlungen an die US-Farmer plötzlich 40% weniger Einkommen. Wir sehen also wie Menschen in Afrika die Sicherheitsfrage bestimmen!
Auch Handelsverzerrungen also, wie sie gegenwärtig auf dem Weltmarkt zu finden sind und die immensen Subventionierungen allein auf dem Landwirtschaftssektor durch die USA, die EU und Japan mit jährlich über 300 Milliarden $, bedrohen die Sicherheit der Armen – vor und nach dem 11. September. M.E. wäre es jedoch gut gewesen, hätte man den 11. September zum Anlass genommen, über die Sicherheit in der Welt insgesamt nachzudenken. Wo sind welche Gefährdungen der Sciherheit und welche entsprechenden Maßnahmen sind zu ergreifen? Sicherheitsstrategien müssen – das lernen wir von Afrika – anders ansetzen. Uns sie müssen vor allem die Ernährungssicherheit der Armen einbeziehen.
Comboni, der Vorkämpfer für Menschenwürde: der Frauen und der Sklaven
Combonis Arbeitsgebiet war vor allem die Region des heutigen Sudan. Als Bischof von Khartum war er ein Vorkämpfer für Menschenwürde und gegen den Sklavenhandel. Auch das Geschick der Frauen Afrikas war ihm ein besonderes Anliegen. Die Befreiung Afrikas und die Befreiung der Frau gehörten für Comboni eng zusammen. Die afrikanischen Frauen und Mädchen im Sudan hatten damals kaum Zugang zu einer Schulbildung. Sie litten unter sexueller Ausbeutung und Gewalt, damit verbundenen Krankheiten, Tabus und Diskriminierungen. Leider muss man feststellen, dass viele Probleme, die Comboni damals gesehen hat, immer noch aktuell sind. Denken Sie an das immer noch weit verbreitete Verbrechen der weiblichen Genitalverstümmelung. Combonis Strategie zur Förderung der Frau war die Schulausbildung afrikanischer Mädchen (zunächst in Verona, später in Kairo), um Multiplikatoren – wie wir heute sagen würden – zu gewinnen. Als Lehrerinnen sollten diese Frauen dann in ihren Kontinent zurückkehren und gerade auch den afrikanischen Frauen die frohe Botschaft von der Befreiung durch Christus verkünden. Die bedeutende Rolle, die der Heilige der Frau bei der Christianisierung Afrikas zuerkannte, war ohne Zweifel ebenfalls revolutionär. "Glauben Sie mir“, sagte er einmal zu einem Freund, "nur die Frauen und der Hl. Josef werden Schwarz-Afrika zum Glauben führen.“
Schluss
Für Comboni war das eigentliche Kriterium für den Tatbeweis des christlichen Glaubens die Liebe. Dieser vom Evangelium ausgehende Impuls treibt auch die Mitglieder der vom heiligen Daniel Comboni gegründeten Ordensfamilie überall auf der Welt an. "Verkündigung des Evangeliums, solidarischer Einsatz für Geschwisterlichkeit und Menschenrechte, missionarische Bewusstseinsbildung in Kirche und Gesellschaft, Förderung ganzheitlicher menschlicher Entwicklung“, so umschreibt die Selbstdarstellung der Combonianer die Aufgabenbereiche der Comboni-Missionare und Missionarinnen heute.
Für die gute Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Misereor danke ich Ihnen ganz von Herzen und für Ihr Engagement erbitte ich auf die Fürsprache Ihres heiligen Ordensgründers Gottes fruchtbringenden Segen!
zurück zur Übersicht













